Der Hanság/Waasen – Eine Zeitreise

Der Hanság/Waasen – Eine Zeitreise

Der Hanság im 18. und 19. Jahrhundert

Neusiedler See und Hansàg um 1781 (© https://zukunftsee.at/a/neusiedler-see-hansag-feuchtgebiet-ikva-seewinkel-2/)

Die „Mappa geometrica“ aus dem Jahr 1781 zeigt die Ausdehnung des Hanságs um 1781, wobei der fließende Übergang des Seebeckens zu den ausgedehnten Flächen des Niedermoors Hanság östlich des Neusiedler Sees zu erkennen ist. Zu sehen ist auch, wie knapp die Orte am Rand dieses großen Sumpfgebiets angelegt wurden.
(© https://zukunftsee.at/a/neusiedler-see-hansag-feuchtgebiet-ikva-seewinkel-2/)

Südöstlich des Neusiedler Sees befindet sich der Hanság, von den angrenzenden Bewohnerinnen und Bewohnern auch „Waasen“ genannt. Der Hanság, ein Niedermoorgebiet von ehemals ca. 55 km Länge und etwa 15 km Breite, bestand aus Sumpfwiesen, Weiden, offenen Wasserflächen wie Moorteichen und Seen sowie Bruch- und Auwäldern. Je nach Wasserstand veränderte sich immer wieder das Verhältnis dieser Flächen zueinander. In den Hanság – und in der Folge in den Neusiedler See – mündeten von Süden drei kleinere Flüsse: die Ikva/der Spittelbach, die Répce/Rabnitz und die Kis Rába/Kleine Raab, die im östlichen Alpenrand entspringen und stark schwankende Pegelstände haben.

Der Wasserstand des Hanságs stand immer in direktem Zusammenhang mit dem mineralsalzreichen Grundwasser und dem Neusiedler See. Zudem überschwemmten Überflutungen der Donau, Raab und Rabnitz oft große Teile der Gegend bzw. trocknete nach mehrjährigen Trockenperioden der Hanság sowie der Neusiedler See mehrmals aus.

Im Hanság befanden sich ursprünglich zahlreiche Lacken, die sich je nach Niederschlagsmenge und zeitlicher Verteilung änderten. Tiefgelegene Teilgebiete des Hanságs standen ständig unter Wasser. An den Rändern des Hanságs existierten zahlreiche Auen, in diesem Zusammenhang entstanden einige Ortsnamen: Andau z.B.: kommt von „an der Au“, Illmitz von „Ullmenau“ und Pamhagen von „Baumhacken“.

Fischerei

Die Hanság-Seen im Bereich Tadten, Andau und Wallern um 1820. (© Sammlung Herbert Brettl, Halbturn)

Die Hanság-Seen im Bereich Tadten, Andau und Wallern um 1820. (© Sammlung Herbert Brettl, Halbturn)

Postkarte mit Jagdszene in einem Gewässer im Hanság um 1907. (© Sammlung Alois Lang, Illmitz)

Jagdszene in einem Gewässer im Hanság um 1907.
(© Sammlung Alois Lang, Illmitz)

Die zahlreichen Lacken und Seen im Hanság waren fischreich und wurden jahrhundertelang von der angrenzenden Bevölkerung zum Fischfang genutzt. In einer Aufzeichnung in Apetlon hieß es 1875: „[…] Im Winter war sehr viel Schnee das im Frühjahr das Wasser so gestiegen das alle Laken so voll Wahren das man aus den Ziksee in die Lange Lagen hat können mit der Zille fahren und weil vorher kein Fisch auf der Ganzen Hoter wahr hat man über all Fisch gefunden. […]“

Die Bedeutung des Fischfangs wird durch eine Banntaiding (Ortsgericht) in Pamhagen aus dem Jahre 1546 ersichtlich, wo es heißt, sofern jemand beim Fischdiebstahl ertappt wird, so „soll man denselben, der die fisch gestollen hat, in ain Korb schieben und soll im ain abgebrochenes messer in die handt geben, und wierdt er ledig, so ist er der sachen muessig.“

Die Fischerei diente als Nahrungsquelle und wichtige Einnahmequelle. Beispielsweise wurde im 18. Jahrhundert vom Erlös des reichen Fischfanges von den Fischern der Gemeinde Pamhagen eine acht Zentner (448 Kilo) schwere Kirchenglocke angeschafft, welche den Namen Fischerglocke erhielt.

Die Fischerei wurde bis ins späte 19. Jahrhundert betrieben. Mit dem Ausbau des Einser-Kanals war es der mit der Fischerei früheren Ausmaßes vorbei. Die Lacken und Seen, wie beispielsweise der Große und der Kleine Königsee, der Loblersee und Dorfsee bei Wallern, der Gariesee, Rundersee oder Dadumás See bei Tadten und viele mehr, trockneten aufgrund der Kanalisierungen des 20. Jahrhunderts aus. Heute markieren meist nur noch Grundstücksgrenzen die ehemalige Ausdehnung der Lacken und Seen.

Heuwirtschaft

Heufuhre vom Hanság um 1930. (© Sammlung Gemeinde Tadten)

Franz Szalay und Franz Elö aus Tadten mit einer Heufuhre vom Hanság um 1930. (© Sammlung Gemeinde Tadten)

Große Flächen des Hanságs bestanden aus Sumpfwiesen, auf denen „saures Heu“ gewonnen wurde. Die Heuwirtschaft wurde in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bis in die 1930er Jahre zu einer der wichtigsten Einnahmequellen der Bewohnerinnen und Bewohner der Orte nördlich des Hanságs wie Pamhagen, Wallern, Tadten und Andau bzw. der angrenzenden heutigen ungarischen Gemeinden. Auch grundbesitzlose Bewohnerinnen und Bewohner konnten dadurch ein Einkommen finden, indem diese Wiesenflächen, die zumeist im Besitz der Fürsten Esterházy waren, lizitiert, sprich versteigert, wurden. Die Arbeiten der Mäher („Waasenmahder“) waren sehr mühsam. Sie begaben sich mit Werkzeug und Verpflegung in die Sumpfwiesen, oft übernachteten sie dort vor Ort von Montag bis Samstag in einer selbstgemachten „Grashütte“. Glühende Hitze, Gelsen und Bremsen machten den Mahdern zu schaffen. Trinkwasser wurde mittels eines „Röhrls“, das unter die Grasnarbe geschoben wurde, herausgesaugt. Das Essen wurde aus dem Ort nachgebracht.

Andreas Janisch aus Tadten schrieb um 1925 über die Heuarbeit in seinen Memoiren: […] Es gab nur kaltes Essen, geselchtes Fleisch, Speck, manchmal auch Wurst. […] Gearbeitet wurde, solange man gesehen hat. Dann hat man sich schlafen gelegt. […] Sah es so aus, als ob der nächste Tag recht heiß zu werden schien, so wurde schon um 3 Uhr gemäht, damit wir zu Mittag 2 Stunden schlafen konnten. Für 10 Joch brauchten wir zu dritt 3 bis 4 Tage.“

Die Heuproduktion war nicht nur für den Eigenbedarf wichtig, sondern auch für den Verkauf in den Städten, vor allem in Wien und in Dörfern westlich des Neusiedler Sees, wo nicht genug Heu wuchs. Mit dem Heuhandel konnten manche einen relativen Wohlstand erarbeiten. Das Heu, in Haufen zusammengetragen, wurde in einer zwei- bis dreitägigen Fahrt zumeist im Winter, wenn der Boden gefroren war, aus dem Moor und schließlich auf den Wiener Markt (Heumarkt) gebracht. Die Trockenlegung des Hanságs/Waasens und der verminderte Heubedarf Wiens aufgrund der Motorisierung in den 1930er Jahren drängten die Heugewinnung allmählich in den Hintergrund.

Schilf

Die Ränder der Hanság-Lacken waren mit Rohr/Schilf bewachsen, das im Winter, wenn Wasser und Boden gefroren waren, von den „Rohrschneidern“ geschnitten wurde. Dieses wurde von der lokalen Bevölkerung zum Dachdecken, als Stalleinstreu für das Vieh und als Brennmaterial verwendet. Mit der Trockenlegung und Verlandung des Hanságs ging auch der Rückgang des Schilfbestandes in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts einher.

Torf

Mann und Frau neben Torfhaufen im Hanság (© Sammlung Alois Lang, Illmitz)  

Die gestochenen Torfwürfel wurden zum Trocknen zu Kegeln geschichtet. (© Sammlung Alois Lang, Illmitz)

Trotz seiner geringen Mächtigkeit und mangelnden Qualität wurde das Niedermoor des Hanságs einer teilweisen intensiven Nutzung zugeführt.

Beim „Torfstechen“ schaufelte man zunächst die Oberfläche des Erdreiches, 20 – 50 cm, weg, danach wurde mit dem Torfstecher, einer Art Spaten, ein 1 – 1,20m großes Quadrat abgestochen. In der Nähe des Platzes wurden diese Würfel zum Trocknen aufgestellt und in Kegeln geschichtet. Nachdem sie getrocknet waren, wurden sie von dort zur Weiterverarbeitung, beispielsweise zur Torffabrik nach Wallern, transportiert, wo der getrocknete Torf zerrissen, dann in Ballen gepresst und an Gärtnereien verkauft wurde. Insbesondere im heute ungarischen Teil des Hanságs wurde in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts bei Jánossomorja (Wüstsommerein) ein E-Werk mit Torf betrieben und unter anderen die Gemeinden Andau und Tadten mit elektrischer Energie versorgt. Die Torffabrik bei Tözeggyármajor („Pamhagener Torffabrik“) südlich des Einser-Kanals war ebenfalls bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs in Betrieb. Teilweise wurde der Torf auch als Brennmaterial von der Bevölkerung genützt.

Wald

Gemälde Moorwald im Hanság

Moorwald im Hanság. Gemälde eines unbekannten Künstlers. Einen Eindruck des einst dicht bewaldeten Hanságs bieten heute die im Nationalpark Fertö-Hanság renaturierten Teilgebiete bei Öntesmajor (Oberscharken) und Osli.

Im südlichen Teil des Hanságs bestanden natürliche Moorwälder, auch Au- bzw. Bruchwälder genannt. Die zumeist Erlenwälder sicherten den Holzbedarf der Bevölkerung der umliegenden Dörfer. Mit der Regulierung der Rabnitz begann sich die Baumvegetation zu verändern.

Viehwirtschaft

Rinderherde im Bereich Hanság/Heideboden vor 1938. (© Sammlung Herbert Brettl, Halbturn)

Rinderherde im Bereich Hanság/Heideboden vor 1938.
(© Sammlung Herbert Brettl, Halbturn)

Nördlich und östlich des Hanságs erstreckte sich der Heideboden, auf alten Kartenwerken auch als „Große Haide“ vermerkt. Dies war eine baumlose Weide- und Wiesenfläche aus Halb- und Trockenrasen, welche jahrhundertelang durch die damals übliche Dreifelderwirtschaft als Viehweide der Dorfgemeinschaften genutzt wurde. Die Viehzucht betrieb man in einer halbextensiven Form – vom Frühjahr bis zum Spätherbst hielt sich das Vieh auf der Weide auf und im Winter wurde es in den Ställen untergebracht.

Die intensive Viehhaltung (reine Stallwirtschaft) wurde erst ab den späten 1950er Jahren betrieben. Parallel dazu verschwanden auch die Hutweiden, die zu Ackerland umgewandelt wurden.

Überschwemmungen

Überschwemmung im Hanság (© Sammlung Gemeinde Andau)

Bei übermäßigen Niederschlägen, wie z.B. 1983 im Bereich „Vierzig Mahd“ bei Andau, steigt auch heute im Hanság/Waasen das Grundwasser vorübergehend an und überschwemmt die landwirtschaftlichen Flächen.
(© Sammlung Gemeinde Andau)

Extreme Wasserstandsschwankungen und eine sich stark ändernde Ausdehnung waren charakteristisch für das Hansággebiet. Das Wasser des Hanságs reichte in feuchten Jahren bis zu den Dorfrändern, wovon Gassenbezeichnungen bekunden: Pamhagen: Uferweg, Apetlon: Ufergasse und Wasserzeile, Wallern: Wassergasse oder Andau: Augasse.

Bei Hochwasserstand des Hanságs litt die Viehzucht, da dann weit weniger Weide- und auch Heuwiesen zur Verfügung standen. Ebenso war der Ackerbau bei Hochwasserperioden stark beeinträchtigt.

So berichtete die Zeitung „Radikal“ am 13. Dezember 1903: „Pamhagen: Das ganze Seegebiet, besonders aber der Hanság sind von den letzten Regengüssen unter Wasser gesetzt. Das Heu, das die Bauern um teures Geld gekauft haben, schwimmt am Wasser und besonders die Wintersaaten, Raps, Weizen, Getreide haben stark gelitten, auch viele Burgunder und Rüben, die noch nicht herausgenommen sind, wurden überschwemmt. Es ist aber noch immer zu befürchten, dass das Wasser steigt und dann kann großes Unglück geschehen. […]“

Kampf gegen die Wanderheuschrecken

Heuschreckenplage, gegen die eine Person im Hintergrund verzweifelt anzukämpfen versucht. (© Brehms Thierleben. Allgemeine Kunde des Thierreichs aus dem Jahr 1884)

Heuschreckenplage, gegen die eine Person im Hintergrund verzweifelt anzukämpfen versucht. (© Brehms Thierleben. Allgemeine Kunde des Thierreichs aus dem Jahr 1884)

Im Jahr 1857 traten erstmals Wanderheuschrecken im Seewinkel und Hanság auf und verursachten in der Landwirtschaft große Schäden. Die Bevölkerung nahm den Kampf gegen die gefräßigen Schädlinge auf, wie die Aufzeichnungen des damaligen Pfarrers Jukovits aus Apetlon zeigen:

„Jahr 1858: Das wichtigste in diesem Jahr ist die Calamitet der Wanderheuschrecken; zuerst wurden sie auf der Seeinsel Neudeck bemerkt, von da bis über das Pomagger Rohrgebiet war alles von diesen Ungeziefer bedeckt; es war schauerlich anzusehen und das Geräusch zu hören unter welchem die Rohrblätter weggefressen wurden; der Boden war zollhoch mit Unrat bedekt; man konnte vor Gestank gar nicht in der Nähe verweilen. Wenn ein Schwärm sich erhob, so bedekte er im vollen Sinne des Wortes wie eine schwarze Wolke die Sonne. In den Herbstmonaten wurde zur Vertilgung des Ungeziefers geschnitten; die benachbarten Ortschaften mußten Arbeiter stellen, diese wurden vor Sonnenaufgang zu den Lagerplätzen der Schrecken geführt, ein Theil der Arbeiter mußten die Insekten in Säcke sammeln, andere um die Lagerplätze das Rohr wegmähen, Stroh ringsum aufhäufen, in Brand setzen und die brennenden Bunde auf die Schrecken werfen, wie viele Milliarden durch Feuer vertilgt wurden, kann nicht bestimmt werden; was in Säcken gesammelt und vergraben wurde, ist auf 1595 Metzen geschätzt worden. Diese Arbeiten waren das erste Vorgehen gegen die Verwüster; im spät Herbst wurden die Eier der Schrecken gesammelt, und sind auf dem Pomagger Gebiet 83 Metzen vergraben worden.

Jahr 1859: Die Calamitaet der Wander Heuschrecken reichte auch in dieses Jahr herüber. Alle Rohrsümpfe waren bereits trocken, und in den freistehenden Rohrwurzeln blieben Milliarden Schrecken Eier kleben, und so hatten wir das Trauerspiel des vergangenen Jahres erneuert wieder, trauriger um so mehr, als die Schrecken sich nicht im Rohrgebiet, bei der herrschenden Trockenheit blieb der Rohr ganz zurück, sondern in den Feldern, vornehmlich in den Maisfeldern lagerten; es wurde immer wache gehalten, und wenn ein Schwärm sich niederließ, lief alles mit Peitschen, Klappern, Topfdeckeln und suchte durch Lärm die Bestien aufzustöbern und zu verscheuchen, was fast immer gelang. Wir in Apetlon litten nicht viel Schaden, mehr litten die Illmitzer, in den Herbstmonaten lagerten sich die Schrecken auf den Feldern und Haiden und wurden hier durch Feuer, wenn schon nicht gänzlich, doch gründlicher vertilgt.“

Pamhagen-Damm

Karte Dammstraße Pamhagen (© Karte von Johann Matthias Korabinsky 1804)

Die Errichtung einer Dammstraße durch den Hanság vor rund 250 Jahren erleichterte den Transport landwirtschaftlicher Güter durch das Seebecken – die heutige Straße zwischen Pamhagen und Fertöd (Esterháza, Schüttern) basiert auf dieser Trasse. (© Karte von Johann Matthias Korabinsky 1804)

Zwischen 1777 und 1780 ließ Fürst Nikolaus I. Esterházy durch den „Morast“ des Hanságs eine Dammstraße von Pamhagen nach Esterháza errichten, um sein Barockschloss, auch genannt das „ungarische Versailles“, leichter erreichen zu können. Brückenöffnungen der Dammstraße ermöglichten einen Wasseraustausch zwischen dem Neusiedler See und dem Hanság.

Erste Kanäle: Der Haupt-Kanal

Der modellierte Hanság: ein System aus Kanälen und Bächen (© https://zukunftsee.at/a/neusiedler-see-hansag-feuchtgebiet-ikva-seewinkel-2/)

Der modellierte Hanság: ein System aus Kanälen und Bächen. Diese Skizze zeigt einige der zahlreich angelegten Entwässerungskanäle im Jahr ihrer Errichtung.
(© https://zukunftsee.at/a/neusiedler-see-hansag-feuchtgebiet-ikva-seewinkel-2/)

Insbesondere seit dem 18. Jahrhundert war man bestrebt, die sumpfige Wildnis des Hanságs zu kultivieren, um Überschwemmungen zu vermeiden und landwirtschaftliche Flächen zu gewinnen. Zwischen 1795 bis 1799 erfolgte die teilweise Begradigung und Eintiefung der Rabnitz/Répce durch den sogenannten Hegdüs-Kanal und weitere Kanalisierungen wurden vorangetrieben. Ab 1811 hoben Arbeitstrupps aus der Tiefebene Ostungarns händisch den Haupt-Kanal aus. Damit konnten die Gewässer um Esterháza/Fertöd und den Ikva-Bach vom Neusiedler See in den Hegedüs-Kanal „umgeleitet“ werden. Zwischen 1830 und 1835 erfolgte der Bau des Neusiedler See-Kanals quer durch den Hanság, mit einer Einmündung von der Pamhagener Dammstraße in die Rabnitz. Zeitgleich wurden weitere Kanäle (bzw. der Komitats-Graben, der heutige Kapuvar-Bösarkany-Kanal) und Abzugsgräben gegraben und so wurde die erste Entwässerungsphase des Hanságs eingeleitet. Die Maßnahmen hatten nur begrenzte Wirkungen – im Hanság-Becken kam es auch weiterhin zu Überschwemmungen.

Der Einser-Kanal

Das Baggerschiff „Mariska“ beim Aushub des Hanság-Hauptkanals/Einser-Kanals um 1900. (© ÉDUVIZIG)

Das Baggerschiff „Mariska“ beim Aushub des Hanság-Hauptkanals/Einser-Kanals um 1900. (© ÉDUVIZIG)

Gemäß dem Zeitgeist – mit der Nutzbarmachung der Natur und mit der Umwandlung von scheinbar nutzlosem Sumpfgebiet in Acker- und Weideland – wurden Ende des 19. Jahrhunderts weitere Kanalisierungen und Entwässerungen durchgeführt. Nicht unumstritten war das Ziel, den Neusiedler See trocken zu legen. So sollte auch die Wulka mittels eines Kanals in die Hanság-Kanäle geleitet werden, die Raab und ihre Nebenflüsse sollten reguliert und das Wasser des Hanságs sollte abgeleitet werden. Zu diesem Zweck wurde 1873 von den angrenzenden Grundbesitzern, damals Großgrundbesitzer, die „Raabregulierungsgesellschaft“ gegründet.

Nach dem Hochwasser von 1885 wurden die Initiativen intensiviert und ab 1895 aus den bereits bestehenden Gräben der 27 Kilometer lange, rund 5 Meter tiefe und an der Sohle 15 m breite Einser-Kanal (ung. Hanság-Hauptkanal) von Pamhagen bis zur Rabnitz gegraben. Durch den Kanal wurde der Hanság endgültig vom See abgetrennt und das Sumpfgebiet des Hanságs, durch das einst die Rabnitz floss, somit entwässert.

Der Kanal wurde zwischen 1909 und 1910 vollendet, die restlichen 5,3 Kilometer von Pamhagen bis zum Neusiedler See und weitere 4,5 Kilometer in den See hinein wurden mit einem Schwimmbagger ausgehoben. Der Einser-Kanal regulierte in weiterer Folge den Wasserspiegel des Sees und unterband zumeist dessen Überschwemmungen.

Durch den Bau des Kanals war die Anlage von Brücken, wie beispielsweise bei Andau oder beim Loblersee (bei Wallern), zur Bewirtschaftung des südlichen Hanságs unabdingbar.

Mit dem Bau des Einser-Kanals erreichte man eine dauerhafte Absenkung des Wasserspiegels um 50 cm – aber der Versuch, den ganzen See zu entwässern, schlug fehl. Die Pläne, den Neusiedler See vollständig trocken zu legen, scheiterten in weiterer Folge an der Erkenntnis, dass der Seeboden für die Landwirtschaft unbrauchbar sei, dass der See als Klimaregulator fungierte und dass bei einer Austrocknung Salzstaubstürme drohen und die Anwohnerinnen und Anwohner plagen würden bzw. wurde die wirtschaftliche Nutzung des Sees als Fremdenverkehrsort sehr wohl erkannt.

Probleme nach der Grenzziehung 1921

Mit der Angliederung des Burgenlandes an Österreich wandelte sich der Einser-Kanal 1921/22 von einer natürlichen Grenze zu einer Staatsgrenze. Abweichend von internationalen Gepflogenheiten wurde nicht bei der Kanalmitte, sondern am österreichischen Fuß des nördlichen Dammes die Grenze gezogen.

Die neue Grenze beim Einser-Kanal zwischen Ungarn und Österreich zerschnitt einen gemeinsamen Lebensraum, wobei einerseits politische Einheiten und andererseits wirtschaftliche Interessensräume verloren gingen. So schrieb der Bürgermeister von Tadten Paul Sattler an die Bezirkshauptmannschaft Neusiedl am See am 18. Jänner 1923 über die wirtschaftlich ungünstige Situation im Ort nach der Grenzziehung: „Die Gemeinde Tadten bezog ihren Holzbedarf vom Erlenwald der Großgemeinde Kapuvár. Menge: 20 – 30 Waggon. Zudem bezog die Gemeinde von der Gemeinde Osli und Mosonszentjános Heu von 2 – 300 Waggon vom Hanság, da der Handel mit Heu der Haupterwerb der Gemeinde ist. Ebenso hat die Gemeinde die Mühle in Mosonszentjános in Anspruch genommen und ist jetzt auf die Mühle in Frauenkirchen angewiesen. Die Inwohner der armen Klasse waren in den Waldungen von Kapuvár mit Holzfällen im Winter zu Naturallohn und haben sich so ihren Holzbedarf gedeckt. Die Zahl dieser Arbeiter waren 50 bis 60 Personen.“

Für die burgenländischen Besitzer war es nun schwierig, ihre Grundstücke, Sumpfwiesen und Wälder südlich des Einser-Kanals weiter zu bewirtschaften. Die kleinen lokalen Holzbrücken bei Andau, Wallern etc. ermöglichten jedoch noch eine zumeist einfache Überquerung der Grenzen bzw. Zugang zu den Besitzungen, wie dem Andauer bzw. Frauenkirchner Erlenwald, den Pamhagener Feldern oder dem Tadtener Hanság südlich des Einser-Kanals.

Mit der Errichtung des Eisernen Vorhangs an der Grenze 1947 wurden diese Übergänge geschlossen und die Nutzung der Wiesen und Wälder unmöglich gemacht.

Der geplante, jedoch später bei Pamhagen wieder abgeänderte, Grenzverlauf im Bereich des Hanságs 1922. (© Sammlung Martin Steiner, Pamhagen)

Der geplante, jedoch später bei Pamhagen wieder abgeänderte, Grenzverlauf im Bereich des Hanságs 1922.
(© Sammlung Martin Steiner, Pamhagen)

Gendarm Otto Lehr, links, mit ungarischen Kollegen am Einser-Kanal um 1935. (© Sammlung Gemeinde Andau)

Gendarm Otto Lehr, links, mit ungarischen Kollegen am Einser-Kanal um 1935. (© Sammlung Gemeinde Andau)

Weitere Entwässerungen

Auch im 20. Jahrhundert war es das erklärte Ziel der Grundbesitzer, Agrar- und Wirtschaftspolitiker, die landwirtschaftlichen Flächen vor Überschwemmungen zu schützen, die Feuchtgebiete im Hanság trocken zu legen und in Ackerland zu verwandeln.

In der Zwischenkriegszeit folgten weitere Trockenlegungs- und Regulierungsbemühungen im Hanság, indem weitere Kanalnetze und Pumpwerke errichtet wurden. Nach dem Hochwasser von 1941 begannen die Arbeiten am sogenannten Zweier-Kanal, der östlich von Apetlon in den Einser-Kanal mündet. Die Arbeiten wurden in den 1950er Jahren wieder aufgenommen und bis Frauenkirchen erweitert, wobei zahlreiche Lacken und Seen wie beispielsweise der Zicksee bei St. Andrä oder die Lange Lacke bei Apetlon miteingebunden wurden. Diese Entwässerungsachse wurde zudem mit einem Netzwerk an Seitenkanälen verbunden.

Kanalbauten bei Tadten in den 1930er bzw. 1950er Jahren. (© Sammlung Gemeinde Tadten)
Kanalbauten Tadten (© Sammlung Gemeinde Tadten)
Errichtung des Zweier-Kanals (© Sammlung Franz Stadlmann, Frauenkirchen)

Kanalbauten bei Tadten in den 1930er bzw. 1950er Jahren. (© Sammlung Gemeinde Tadten)

Die Errichtung des Zweier-Kanals südlich von Frauenkirchen in den 1950er Jahren. (© Sammlung Franz Stadlmann, Frauenkirchen)

Intensivierung der Landwirtschaft

Bewässerung (© Sammlung Herbert Brettl, Halbturn)

Der sommerlichen Austrocknung begegnet man heute mit intensiver Bewässerungswirtschaft. (© Sammlung Herbert Brettl, Halbturn)

In den 1950er Jahren kam es zu einem weitreichenden Strukturwandel in der Landwirtschaft. Aufgrund der Motorisierung und des daraus folgenden Wegfalls der Pferde als Zugtiere wurde die einst ertragreiche Heuproduktion im Hanság vollkommen unrentabel. Die nicht mehr benötigten Wiesenflächen wurden entweder (vor allem auf ungarischer Seite) mit Hybridpappelplantagen aufgeforstet und auf österreichischer Seite bereits teilweise vor 1945 zu Ackerflächen umgebrochen. Damit einher ging die Aufgabe der extensiven Viehzucht. Die Hutweiden unterzog man Ende der 1950er Jahre einer Aufteilung und einer Umwandlung zu Ackerland oder zu Weingärten bzw. ab den 1970er Jahren wurden sie auch für den Gemüseanbau genutzt. Die Landwirtschaft wird heute somit vom Ackerbau dominiert, der auch das Erscheinungsbild dieser Kulturlandschaft prägt.

Die entwässerten Niedermoore und die daraus hervorgehenden Feuchtschwarzerden im Hanság sind im feuchten Zustand sehr ertragreich und werden heute landwirtschaftlich intensiv genutzt. Im trockenen Zustand verfügen die Böden über eine sehr geringe Wasserhaltekraft und nehmen eine bröselige, aschenartige Konsistenz an, die sie für die Winderosion höchst anfällig macht.

Teil des Nationalparks

Logo Nationalpark Neusiedler See - SeewinkelErst nach jahrzehntelangen Diskussionen wurde 1993 der grenzüberschreitende Nationalpark Neusiedler See – Seewinkel Wirklichkeit. Im österreichischen Teil des Hanságs, südlich von Tadten und Andau, bildet eine Wiesenlandschaft von ca. 145 ha die Nationalparkbewahrungszone „Waasen – Hanság“, wobei bereits ein Teil der Fläche seit 1973 unter Naturschutz stand. 2027 wurde die Schutzfläche zwischen Wallern und Andau um 130 ha erweitert. Diese kleine erhalten gebliebene Restfläche der ehemaligen Niedermoorlandschaft ist heute als eines der letzten Rückzugs- und Brutgebiete für viele seltene Pflanzen- und Tierarten wie beispielsweise der Großtrappe (Otis tarda).

Im ungarischen Hanság gibt es ebenso Bemühungen, durch Renaturierung des Erlenbruchwaldes und der Moorwiesen die Schäden aus der früher getätigten Aufforstung rückgängig zu machen. („Hanság-Museum“ in Öntesmájor: https://www.ferto-hansag.hu/de/okoturismus/ausstellungen/hansag-elovilaga-kiallitas,-ontesmajor.html)

Großtrappen bei der Balz. (© Sammlung Nationalpark Neusiedlersee-Seewinkel)

Großtrappen bei der Balz (© Sammlung Nationalpark Neusiedlersee-Seewinkel)

Bewahrungszonen (©Nationalpark Neusiedlersee-Seewinkel)

Die Bewahrungszonen (dunkelgrüne Flächen) und die Erweiterungsflächen ab 2027 (hellgrüne Flächen) im Hanság. (©Nationalpark Neusiedlersee-Seewinkel)

Heute

Der Einser-Kanal Richtung Osten zum Grenzspitz südlich von Andau. (© Sammlung Alois Lang, Illmitz)

Der Einser-Kanal Richtung Osten zum Grenzspitz südlich von Andau. (© Sammlung Alois Lang, Illmitz)

Heute hat der österreichische Teil des Hanságs den Charakter eines Niedermoorgebietes weitgehend verloren, da die fruchtbaren Flächen trockengelegt sind und als Ackerland genutzt werden.

Durch den Klimawandel – seit 1951 stieg die Jahresdurchschnittstemperatur im Nordburgenland um rund 2,5° an – kommt es auch im Hansággebiet zu einer höheren Verdunstung und zu einem verstärkten Grundwasserverbrauch durch die Landwirtschaft. Die Beregnungsmaßnahmen der intensiven landwirtschaftlichen Nutzung der Flächen verursachen eine dauerhaften Absenkung des Grundwasserspiegels. Zudem sickert wertvolles Oberflächenwasser des Nordhanságs über Kanäle in den Einser-Kanal und geht damit für das System verloren.

Als Teil umfangreicher wasserbaulicher Maßnahmen ist geplant, das Oberflächenwasser vor dem Abfließen in den Einser-Kanal in den Kanälen aufzustauen und in das Gebiet zurückzupumpen.

Notabene: Aus dem Neusiedler See wurde – nicht zuletzt aufgrund der klimatischen Veränderungen – seit 2015 kein Wasser mehr in den Einser-Kanal abgelassen.