Flucht – Fluchthilfe
Flüchtlingsschicksale
Zahlen und Fakten zur Fluchtmigration
Zwischen dem 23. Oktober 1956 und dem 31. Dezember 1957 kamen 178.917 Flüchtlinge, davon allein im November 1956 113.810, von Ungarn über die Grenze nach Österreich. Im selben Zeitraum entschlossen sich 7.202 Personen, wieder nach Ungarn zurückzukehren.
Rund 64 % der Flüchtlinge waren männlichen Geschlechts, 76 % nicht älter als 35 Jahre. 65 % gehörten dem Arbeiterstand an. Ein auffälliges Detail war der hohe Anteil von Flüchtlingen jüdischer Konfession, der mit rund 10 % den ungarischen Bevölkerungsschnitt weit übertraf. Dies ist mit der Angst der sowjetisch-ungarischen antisemitischen Repressionspolitik zu erklären.
Rund 90 % der Geflüchteten gaben ursprünglich an, nicht in Österreich bleiben zu wollen. 45 % nannten die USA, 20 % Kanada als ihr Wunschziel. Tatsächlich wanderten etwa 80 % der Flüchtlinge in ein Drittland weiter, während sich ca. 36.000 Personen in Österreich niederließen.
(Aus: Perschy Jakob, Flüchtlingsschicksale. In: Vom Traum zum Trauma. Ungarnaufstand ´56.)
Flüchtlingsschicksale
(© fortepan/ETH Zürich – Comet Photo AG-Jack Metzger)
Ein paar Kleidungsstücke, Bettwäsche und eine Thermosflasche
Ende Oktober 1956, nach Ausbruch der Revolution, entfernten in Cikola Sziget, einem kleinen Dorf auf der Kleinen Schütt-Insel bei Mosonmagyaróvár, euphorisch junge Männer die kommunistischen Symbole von den örtlichen Einrichtungen. Unter ihnen war auch der Gärtnergehilfe János B. Die militärische und politische Lage änderte sich alsbald wieder, sodass János befürchtete, verhaftet zu werden. Am 11. November 1956 entschloss sich János, mit seiner Gattin Izabella und ihrer zehn Monate alten Tochter aus Ungarn zu fliehen. Mit einem Linienbus fuhren sie nach Mosonszentjános, in ein Dorf an der Grenze unweit von Andau. Nur ein paar Kleidungsstücke, Bettwäsche und eine Thermosflasche für die kleine Tochter konnten sie mitnehmen. In Mosonszentjános brachte sie ein Fluchthelfer durch den Hanság zur Brücke von Andau, wo ein unbemerkter Grenzübertritt noch möglich war. Die Überquerung der Brücke erfolgte problemlos. Auf der österreichischen Seite wurden sie vom Roten Kreuz übernommen und nach Andau gebracht. János kam in das Notquartier in der örtlichen Volksschule, Izabella und das Töchterlein wurden in einem Privathaus in Andau aufgenommen und versorgt. Am folgenden Tag fuhr die Familie mit einem Bus nach Oberpullendorf, wo Verwandte wohnten. Dort blieben sie die nächsten Jahre. János fand zunächst eine Arbeitsstelle am Bau und konnte später mit seiner Familie eine eigene Gärtnerei aufbauen.
(Aus: Perschy Jakob, Flüchtlingsschicksale. In: Vom Traum zum Trauma. Ungarnaufstand ´56.)
Ein paar Forint und ein Stoffhund
Aniko D., geb. 1950, und ihre Familie lebten in einem Außenbezirk Budapests. Der Vater war bereits im Mai 1956 während einer Dienstreise in Wien abgesprungen und nicht mehr nach Ungarn zurückgekehrt. Er organisierte auch von Wien aus einen Fluchthelfer für seine Familie. Anikos Mutter konnte sich lange nicht zur Flucht entschließen, sodass die Familie erst am 5. Dezember 1956, einem kalten Wintertag, Richtung Österreich aufbrach. Die Großmutter schnitt einem Stoffhund den Bauch auf und versteckte darin ein bisschen Schmuck und ein paar Forint. Mit dem Zug fuhren sie nach Györ, wo sie Onkel, Tanten, Cousine und Cousin trafen, die sich ebenfalls zur Flucht entschlossen hatten. Der kleine Cousin bekam ein Schlafmittel verabreicht, damit er während der Flucht keine Aufregung verursache, und wurde vom Onkel getragen. Ein Lastwagen brachte alle in die Nähe der österreichischen Grenze, wo sie ein Fluchthelfer Richtung Österreich lotste. Es war stockfinster, bitterkalt und der Boden war teilweise gefroren und teilweise matschig. Im Morgengrauen sahen sie Leute, die ihnen zuwinkten. Sie hatten Decken in der Hand und führten sie nach Andau. In einem Gasthaus waren Matratzen vorbereitet und die Familie wurde mit belegten Broten, Tee und Kakao versorgt. Anikos Vater brachte alle in einem geborgten Auto nach Wien. Die Mutter und die Tante wollten unbedingt nach Amerika weiterziehen, doch der Vater und seine Brüder entschieden, in Wien zu bleiben.
(Aus: Profil vom 16. Oktober 2006, S. 38)
Ein Säckchen ungarischer Erde als Geschenk
Am 4. November 1956 entschloss sich Familie S., Vater, Mutter, András und seine Geschwister, zur Flucht aus Ungarn. Der erhoffte Sieg der Revolution trat nicht ein und die Familie lehnte das kommunistische System entschieden ab. Ein 16-jähriger Verwandter war kurz zuvor bei einer Demonstration in Mosonmagyaróvár von sowjetischen Soldaten getötet worden. Mit Pferd und Wagen begaben sie sich aus ihrem Heimatdorf Pusztasomorja, einem Grenzort zu Österreich, Richtung Andau, das nur wenige Kilometer entfernt lag. Ohne Probleme konnten sie zu dieser Zeit noch die Grenze passieren. Nach der Aufnahme in Andau wurden sie in ein Notquartier in der Kaserne in Neusiedl am See gebracht. Es war bitterkalt und die Fenster waren teilweise schadhaft. Die Neusiedler Bevölkerung organisierte Decken, Stroh und Lebensmittel für die Flüchtlinge. Einige Zeit später brach Familie S. weiter in die Steiermark auf, dort hatte der Vater Kontakte. 1958 siedelte die Familie nach Wien um, wo der Vater ein besseres berufliches Auskommen sah und es der Familie gelang, eine bescheidene Existenz aufzubauen. Andás kam, wie andere Flüchtlingskinder, in ein ungarischsprachig geführtes Internat in Innsbruck, wo er die Matura ablegte. Unter den Geschenken war für jede Maturantin und jeden Maturanten auch ein Säckchen mit ungarischer Erde.
(Aus: Perschy Jakob, Flüchtlingsschicksale. In: Vom Traum zum Trauma. Ungarnaufstand ´56.)




